Aernschd Born: Eifach e Lied

ambripress, ISBN: 978-3-905367-12-6, 1. Auflage 2017

Die Worte meiner Lieder aus fünf Jahrzehnten

Vorwort von Grégoire “Greis” Vuilleumier

Es war 1997. Die Kinder spielten mit Tamagotchi und ich hatte meine Berufung als Sprayer gefunden. Die Anerkennung gleichgesinnter Vandalen erschien mir erstrebenswerter als der versprochene Platz in einer Gesellschaft, die meine doch sehr einfachen Fragen nur sehr kompliziert zu beantworten vermochte. So machte ich meinen sozialen Aufstieg im Parallelsystem der Berner Hip-Hop-Kultur der späten 1990er. Leicht berauscht landete ich eines Abends an der Vernissage einer Ausstellung über Jugendkulturen in der Schweiz, «A Walk on the Wild Side» im Historischen Museum Bern. Ich stellte überrascht fest, dass wir Hip- Hopper die kreative Rebellion gegen gesellschaftliche Normen nicht erfunden hatten, und dass die Rocker, Jazzer, Halbstarken und Punks den Vandalismus schon lange vor meiner Zeit praktizierten.

Am meisten beeindruckt hat mich aber ein kurzer Filmausschnitt vom Folk-Festival Lenzburg. Zu sehen waren grossartige, unverstärkte Darbietungen von Bands wie Pfurri, Gorps und Knirri, Urs Hostettler, und nicht zuletzt von diesem bärtigen Barden wie aus dem Gallierdorf von Asterix. In diesen Aufnahmen aus einer anderen Zeit habe ich meinen Helden gefunden.

Er sang von Kaiseraugst. Davon, dass wir uns wehren können, wenn es uns nicht passt: Wenn ihr nicht hören wollt, dann gehen wir halt hin, dann besetzen wir das Areal.

Und nicht nur das, er erklärte die Zusammenhänge, die Verwicklung von Behörden und Privatwirtschaft, vom Verwaltungsrat, von Herrn Kohn und Motor Columbus. Es war eine Reportage, ein Dokumentarfilm, eine epische Geschichte von Machtmissbrauch und Widerstand. Wie das Beste von YouTube und Wikipedia. Und das alles in einem kleinen Lied, nur mit Text und Gitarre. «Drum, wemmer e eigeni Meinig hän, als die, wonis öppis befähle wän, und wemmir öppis erreiche wän, schaffe mer eins, zwei, viili Kaiseraugscht».

Obwohl mehr als 20 Jahre seit Borns Aufforderung vergangen waren, strahlte sie für mich eine unglaubliche Dringlichkeit aus. So machte ich mich auf die Suche nach Aernschd Born. Die Texte die ich fand, prägen bis heute meine Art zu schreiben. «Victor Jara» berührt mich wie kein anderes Lied, und jedesmal, wenn ich versuche, eine Geschichte zu schreiben, nehme ich dessen Text als Leitfaden.

Born erzeugt mit seinem Storytelling eine Stimmung, in der sowohl geschichtliche Zusammenhänge wie auch Emotionen und Humor gedeihen: «E Volgg, wo au dr gleini Maa am eigne Gwinn soll Aateil ha, isch finanziell nümm tragbar für die Riiche».

Die Dichte und Präzision, mit welcher Born seine Geschichten erzählt, nimmt viele Muster vom heutigen Rap vorweg, die ureigene Art, mit welcher er seine Botschaften emotional auflädt, ist für mich jedoch auch heute noch absolut einzigartig. Born ist ein Lautsprecher, ich finde mich oft auch in seinem späteren Werk wieder: «S Gift», «Schoflied», «Nochber», «Déjà vu» sind für mich epische Texte über das Überwinden der eigenen Unzulänglichkeiten und den Widerstand gegen die Resignation. Über das Zurechtfinden im Alltag, der unmöglich immer spektakulär sein kann. Über die komplizierten Antworten zu den einfachen Fragen.

Von allen Schweizer Kulturschaffenden hat mich Aernschd Born am meisten beeinflusst. Seine Texte geben mir bis heute Kraft und bereiten mir Freude. Und die Gewissheit hat mich nie verlassen, dass irgendwann eine Zeit kommen wird, für die es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn man selber draufgeht dabei. Bis dann wünsche ich uns mit diesem Buch einfach ein, zwei, viele Kaiseraugst.

Greis

230 Liedtexte, 504 Seiten
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